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WIR BRAUCHEN WERTEN VERPFLICHTETE LEADER (4)

(TEIL 4)

DRITTE VERSUCHUNG:

DER RUF NACH STARKEN FÜHRERN

Viele Menschen erleben das Versagen von Leadership täglich und fühlen sich rasch als Opfer. Sie sehen sich nicht in der Lage, ihre Leader zu „unterwachen“ wie Niklas Luhmann ihr Potential der Überwachung und Steuerung von Unten spielerisch bezeichnet hat. Wer sich ohnmächtig und seinen wirtschaftlichen, politischen oder wissenschaftlichen Leadern hilflos ausgeliefert fühlt, entzieht dem System, das ihn beherrscht und ausbeutet, oftmals Kraft und Energie. Er arbeitet nach Vorschrift und lernt die Überwachungsinstrumente zu überlisten. So wird unten und oben der Druck nur noch verstärkt und der Ruf nach neuen Leadern lauter und lauter.

In der Wirtschaft löst ein Leader den anderen genau so ab wie in der Politik. Die Logik des “hire and fire” macht keinen Halt vor denen, die sie ins Leben gerufen und zugelassen haben. Die weltweit erprobte Formel wird als Not-Sicherung eingesetzt und erlaubt noch lauter nach starken Führern zu rufen, die man dann im Notfall ja abziehen könnte. Die aktuellen politischen Experimente mit starken Führer-Persönlichkeiten verdeutlicht diesseits und jenseits von Atlantik und Pazifik, wie politische Führer entstehen und sich am Leben halten. Wirtschaftliche Führer und führende Wissenschaftler nutzen die Methoden der Macht und die Macht der Medien ebenfalls. Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher der Moderne und der Antike, genauso wie der Renaissance oder des Mittelalters würde dabei reichen, um dieses Hoffen oder gar das Setzen auf einzelne Führer als gefährliche Illusion zu erkennen. Und dennoch bleiben die Rufe in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, aber auch in den Religionen nach starken Führungspersönlichkeiten allerorts unüberhörbar.

Die Versuchung, das Versagen von Leadership durch neue andere und starke Leader aufzufangen scheint grösser, als der Mut, auf die vielen in der Gesellschaft zu setzen, die auch führen können. Alle Krisen zeigen, dass es die Masse der Vielen ist, die immer wieder auffängt und recht widerstandsfähig den Zusammenbruch des Ganzen verhindert. Ihre Resillienz fusst auf einer tiefer verankerten Gewissheit in den Wert des Lebens und der Zukunft sowie einer gesunden Abschottung gegenüber dem finanzwirtschaftlichen und politischen Gehabe und Theater.

Erny Gillen

(Fortsetzung folgt)

WIR BRAUCHEN WERTEN VERPFLICHTETE LEADER! (3)

(Teil 3)

ZWEITE VERSUCHUNG:

ETHIK & POLITIK ALS INSTRUMENTE DER SCHADENS-BEGRENZUNG

Eine zweite Versuchung, dem Leadership und der damit zusammenhängenden Verantwortung in Wirtschaft und Wissenschaft zu entgehen, besteht  darin, die Ethik und die Politik für sich zu instrumentalisieren. Wenn es um die  Zielsetzungen geht, werden beide bewusst ausgeschlossen. Diese werden intern und hinter verschlossenen Türen ausgehandelt. Es geht ja schliesslich um Konkurrenz, Effizienz und Gewinne. Ethik und Politik werden erst dann eingefordert oder treten selber auf den Plan, wenn Schäden für Dritte sichtbar werden. Ihre Aufgabe, angesichts der Forschungs- und Marktfreiheit, wird jedoch auf Schadensbegrenzung, Reparatur oder das Schaffen von breiten Rahmenbedingungen beschränkt. Die wenigen konkreten Beschränkungen, die von der Politik und der Ethik vorgegeben werden, rücken jeden Tag mehr in die Kritik derer, die nicht wollen, dass man sich von “Aussen” in ihren autonomen Geschäftsbereich einmischt.

Genau hier wird eine Krankheit sichtbar. Innen und Aussen können in der einen Gesellschaft nicht getrennt werden. Selbststeuerung setzt gleichzeitig abgestimmte interne und externe Reglungen voraus. Autonomie darf nicht mit Souveränität verwechselt werden. Wir haben es mit einer Pandemie zu tun, die den ganzen gesellschaftlichen Zusammenhang betrifft. Was offensichtlich übersehen wird, sind gemeinsame Werte, an denen sich die gesamte Gesellschaft ausrichtet, weil sie diese als ihr gemeinsames Fundament und als Horizont ihres Zukunftshandelns anerkennt.

Ohne gemeinsame Werte fehlt der Gesellschaft und ihrer Bestrebungen, Wirtschaft und Wissenschaft, Ethik und Politik zu betreiben, das Fundament und der Zusammenhalt.

Erny Gillen

(Fortsetzung folgt)

WIR BRAUCHEN WERTEN VERPFLICHTETE LEADER! (2)

(TEIL 2)

ERSTE VERSUCHUNG:

STEUERUNG DURCH ALGORITHMEN!

Um die Systeme in der Wirtschaft und in den Betrieben in ihrer Komplexität zu steuern, setzt man seit Jahrzehnten auf Qualitätsmanagement und interne Zielvereinbarungen. Die betriebswirtschaftlichen Methoden wurden sogar, ohne genügend kritisch hinterfragt zu werden, auf die Non-Profit-Welt und die Regierungsverwaltungen übertragen. In der Europäischen Union gewinnt man den Eindruck, dass die Ansätze der Volkswirtschaft denen aus der Betriebswirtschaft weichen mussten.

Analog zum Umgang mit der Technik wird auf sogenannte Selbststeuerung gesetzt. Bildlich gesprochen, könnte man sagen: Der Fahrer wird bald zum Gast in seinem sich selbststeuernden Fahrzeug, bis dieses ihn eines nicht all zu fernen Tages an “sein” nächstes Ziel bringt, das ein Algorithmus passgenau für ihn aus seinem früheren Verhalten und aktuellen Internet-Recherchen errechnet hat. Angewandte System-Biologie in Verbindung mit Medizin und IT stellen uns vor ganz ähnliche Probleme: Wie und wann sollen beispielsweise implantierte Nano-Produkte dem Patienten die Entscheidung überlassen oder einfach die vor-programmiert “richtige” Wahl für ihn (gegebenenfalls auch gegen seinen Willen) treffen und umsetzen?

Das „Auslagern” von Leadership in die anonyme und geschlossene Welt der Technik und Technologie fasziniert und beginnt zu greifen: ihre Algorithmen entscheiden schon heute etwa über Investitionen, medizinische Eingriffe, Studienplätze, Preise oder Rankings. Sie verstärken das gewollt Meßbare und reduzieren systemfremde, sprich menschliche Entscheidungen. Damit erfüllen sie ihren Auftrag und schliessen den Menschen in sein selber gebautes System ein, in dem er kein Leadership mehr zu übernehmen braucht. Die von Menschen gemachte Technologie führt diesem seine eigene Ziellosigkeit vor Augen. Das von ihm an Algorithmen delegierte Leadership übt seinen Einfluß selbsttätig aus und hinterlässt Spuren. Daran wird auch weiteres Delegieren an die nächsten und übernächsten Generationen von technischen Steuerungssystemen für die schon bestehenden Steuerungen auf niedrigerer Ebene nichts ändern.

Wer fehlendes Leadership outsourced, erntet treffsicher fehlendes Leadership!

Erny  Gillen

(Fortsetzung folgt)

WIR BRAUCHEN WERTEN VERPFLICHTETE LEADER! (1)

(TEIL 1)

WO DIE EINEN VERSAGEN, FANGEN DIE ANDEREN AUF.

Solange wir einen bestimmten Umstand oder Zustand in unserem Alltag als Krise wahrnehmen, haben wir diesen noch nicht als Teil der Normalität in unsere Wahrnehmung integriert. Krisen stören, sie tun weh, weil sie nicht in die aktuelle Vorstellung dessen passen, wie es eigentlich sein sollte. Wie ein Schmerz im Körper uns darauf aufmerksam macht, dass etwas nicht stimmt, so sollten wir auch die Warnsignale gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Krisen nicht einfach übergehen oder als Teil des Lebens akzeptieren. Die Krise ist, ebenso wie der Schmerz, zuerst einmal ein Symptom für etwas anderes. Hinter der Krise drückt eine „Krankheit“ auf die Nerven und Blutbahnen des Zusammenlebens der Menschen.

Die immer noch nachhaltenden Krisen und Schmerzen um den nur mühevoll und unvollkommen aufgefangenen Zusammenbruch der Finanzsysteme wirken weiter. Sie tun dies nicht zuletzt, weil die Politik die Brandleger als Feuerwehr eingesetzt hat. Nun wundert man sich, dass die alten Methoden, die in die Krise geführt haben, schamlos weiter eingesetzt werden. Das System wurde geflickt und gestärkt. An das System selber aber hat sich kein gewählter oder ernannter Leader  herangewagt. Selten werden Stimmen etwa nach einem neuen Bretton Woods laut, um die nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen Strukturen der aktuellen Finanzpolitik und -wirtschaft an die neuen Wirklichkeiten der Weltfinanzen und -Wirtschaft anzupassen.

Auch die Umwelt stöhnt und macht sich stürmisch und orkanartig bemerkbar. Eine weitere Krise, die vor allem die Armen (weiter weg und stärker) zu spüren bekommen. Die Krise in Syrien hat eindrücklich gezeigt, dass Warten auf bessere Zeiten keine Lösung ist. Die vielen flüchtenden Menschen sprechen eine klare Sprache. Sie konnten nicht mehr ausharren. Und Europa will sich (noch) nicht öffnen. Der Konflikt schwelt und tut weh. Marathonsitzungen und Krisenstäbe legen die Überforderung derjenigen, die führen sollen und wollen offen zu Tage.

VON DEN ERNANNTEN UND UNBEKANNTEN LEADERN UNSERER ZEIT

Gäbe es da nicht das bürgerschaftliche Engagement und den humanitären Geist des “Samariters”, würden bald Notstand und Chaos herrschen. Zur Zeit fangen der gesunde Menschenverstand und das Aufstehen von einzelnen Menschen und Gruppen das auf, was die politisch und wirtschaftlich verursachten Systeme zerbrochen und als Scherben hinterlassen haben. Doch auch dieser Puffer für unzulängliches öffentliches Handeln stößt  an seine Grenzen, insbesondere wenn die “ernannten” Leader die “unbekannten” Leader nicht mit ihrem Machtvorsprung unterstützen.

Neben vielen Mikro- und Makro-Ursachen für das Versagen in Politik, Wirtschaft, Finanzwesen, aber auch in Forschung und bei den Kirchen, wird hier die Diagnose gestellt, dass dieses Versagen vorrangig Ausdruck einer Leadership-Krise ist.

Ohne Ziel und Kompass kann man nicht führen.

Erny Gillen

(Fortsetzung folgt)

THE TWO SIDES OF THE SAMARITAN IMPERATIVE!

 

LOGO KLENG

When the Samaritan (Lk 10,25-37) saw the beaten and robbed person he was moved and he helped, although he had no idea who this man was, where he came from, what he believed in or what his life was about. To the Samaritan this was all irrelevant. He saw a fellow human being in need and he provided first aid.

Jesus told this parable to a lawyer. It was his historical answer to the moral question “Who is my neighbour?”. The Moral Law expressed through The Samaritan Imperative is categorical or universal as Kant would say. It is beyond religion. Love comes first as a moral and transformative choice.

Who ever follows the Samaritan Imperative on the roadsides of life makes the world a better place.  Love matters! Christians and many other groups and religions have heard and followed the Samaritan Imperative. And as Samaritans, they rely on the Innkeepers who take over. Before they continue their own journey — like the Priest and the Levite — the Samaritans pay the Innkeeper to step in and prolong their love-story. The Parable of the Good Samaritan works also because of the unnamed and often forgotten Innkeeper.

For the Innkeeper the Samaritan Imperative is not categorical, but hypothetical. Service will be provided under fair conditions. His action is part of the Samaritan’s action who promised to come back and to pay even more if necessary. Many Non-Profit-Inns are and were designed to serve on such a hypothetical basis. They participate in the Samaritan Imperative in their own right and way.

Love of the neighbour — as any love — is hard and continuous work. As a categorical imperative it is upheld by the lighter, but necessary hypothetical imperative. A cohesive society needs both sides of the Samaritan Imperative: ever new Samaritans and fair Innkeepers!

Happy to read your comments.

Erny Gillen, consults, teaches, and writes about ethics & leadership

KURIENKRANKHEITEN HEILEN – NICHT NUR IN ROM

Kurienkrankheiten heilen ist möglich und nötig – nicht nur in Rom

Papst Franziskus bleibt beim Thema. Er will sich und die Reform nicht aufhalten (lassen). Auf den Katalog der Kurienkrankheiten (22. Dezember 2014) folgt ein Jahr später ein Katalog von kurialen Antibiotika (21. Dezember 2015). Die Adressaten sind dieselben: die Kurie in Rom, jeder Christ und alle kirchlichen Kurien: von den Gemeinschaften, Kongregationen über die Pfarreien bis hin zu den kirchlichen Bewegungen.

Das vorgestellte Antibiotikum ist zusammengesetzt aus den Buchstaben des Wortes Misericordia (Barmherzigkeit). Jeder Buchstabe spiegelt zwei Facetten des Heilungsmittels wider. So entsteht ein unerschöpflicher “Katalog der notwendigen Tugenden für die, welche in der Kurie Dienst tun, und für alle, die ihre Weihe oder ihre Arbeit für die Kirche fruchtbar machen wollen”, sagte der Papst.

M issionsgeist + pastorale Grundhaltung

I doneità / Eignung + Scharfsinn

S piritualität + Menschlichkeit

E semplarità / Vorbildlichkeit + Treue

R azionalità / Vernünftigkeit + Liebenswürdigkeit

I nnocuità / wohlwollende Besonnenheit + Entschiedenheit

C arità / Liebe + Wahrheit

O nestà / Ehrlichkeit + Reife

R ispettosità / Achtung + Demut

D oviziosità / Großherzigkeit + Aufmerksamkeit

I mpavidità / Unerschrockenheit + Regsamkeit

A ffidabilità / Vertrauenswürdigkeit + Nüchternheit

Dieser offene Tugendkatalog will der Gesundung dienen. Er richtet sich als moralisches Hilfsangebot an die Freiheit der von den Kurienkrankeiten betroffenen Menschen in der Institution. Dabei geht es um “Krankheiten, die Vorbeugung, Überwachung, Pflege und in einigen Fällen leider schmerzhafte und langwierige Eingriffe erfordern” , heisst es weiter. Die Antibiotika sind nicht das alleinige Heilmittel. Sowie die Barmherzigkeit trotz ihrer bewundernswerten Kraft die sündhaft kranke Wirklichkeit nicht einfach ungeschehen macht, so heilen auch Antibiotika trotz ihres Zaubers nicht einfach an der Ursache vorbei. Dennoch spielen sie im Spektrum der eingesetzten Mittel zur Heilung und Linderung eine wesentliche Rolle. Sie wirken an und in bestimmten Zellen. Sie wirken in der Tiefe.

Die Kurie in Rom hat die Rede gehört. Ob sie beim Patienten angekommen ist und dieser nun die angebotenen Mittel aufgreift um zu gesunden, wird man erst zu späterem Zeitpunkt feststellen können. Ob die vielen anderen Kurien die Rede mitbekommen haben oder nur mitleidig auf den grossen kranken Bruder in Rom blicken, wissen wir erst, wenn eine richtig grosse Bewegung zur Heilung der Kurienkrankheiten einsetzt.

EG 12.1.2016

DER FRANZISKUS-HEBEL : BARMHERZIGKEIT

Das Pontifikat von Papst Franziskus steht im Zeichen der Barmherzigkeit. Sein Handeln sagt mehr als tausend Worte. So wartete er letztes Jahr auf die Teilnehmer der Synode, um sie einzeln zu begrüssen, und nicht sie, bis er als letzter feierlich einziehen würde. Er hört nicht nur zu, sondern er ergreift das Wort, aber nicht um die Richtung als Chef vorzugeben, sondern um den Ton zu setzten, der das Zusammenkommen bestimmen soll: wahr und offen soll geredet werden. Er sieht in den zum Teil heftigen Auseinandersetzungen Gottes Geist am Wirken, weil er diesem zutraut in jedem einen Teil der Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Er bezeichnet sich als Sünder, der die Barmherzigkeit Gottes erfahren darf.

Die nächsten Zeichen  des Papstes stehen an: Am 8. Dezember beginnt ein Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit. Dabei werden u.a. sogenannte Pforten der Barmherzigkeit aufgebrochen und speziell bevollmächtigte Beichtväter ausgesandt, um die Herzen der Gläubigen für die Barmherzigkeit Gottes zu öffnen.

In der Tat gehen Barmherzigkeit und Freiheit Hand in Hand. Wer seine Freiheit einsetzt und so riskiert, ist nie auf der sicheren Seite. Er handelt im Raum anderer Menschen und vieler unbekannter Umstände. Er kontrolliert sein ausgesätes Handeln nicht. Dieses wächst selbständig und nicht immer so wie gemeint. Das gute Tun ist auf gute Annahme angewiesen. Niemand kann es für sich erzwingen, denn einmal gesetzt, entzieht es sich dem Handelnden und entwickelt seine eigene Dynamik. Sogar Nichtstun hilft nicht weiter, weil auch dieses denselben Gesetzen des Handelns unterliegt.

Vor Gott gibt es keinen “Point of no return”. Die Liebe verwirft nicht; sie richtet auf. Ob ein angerichteter Schaden dem Nicht-Einhalten von Geboten und Verboten entspringt oder gerade umgekehrt dem erbarmungslosen Einhalten derselben Gebote und Verbote, ist vor der Barmherzigkeit Gottes ebenso unwesentlich wie vor dem verletzten Menschen, der sich aufrichtet und verzeiht. Die Regeln ersetzen das Handeln nie. Sie sind immer nur vorläufige Krücken und Hilfskonstruktionen, um den Lauf des Menschen möglichst in den Bahnen eines erfüllten und guten Lebens zu halten. Deshalb setzen Barmherzigkeit und Verzeihen die Regeln ja auch nicht ausser Kraft. Sie nehmen den handelnden Menschen in seiner zerbrechlichen Freiheit an und geben ihm eine weitere unverdiente Chance.

Vor der Barmherzigkeit Gottes, die der Kirche aufgetragen ist, zu vermitteln, schmelzen die trennenden Meinungen und die scheinbar schwierigen Fragen, die die Familiensynode in ihrer Existenz nun eindeutig anerkannt hat, dahin. Papst Franziskus wird die noch verschlossenen Pforten der Barmherzigkeit Anfang Dezember in Rom öffnen. Er hat die Bischöfe eingeladen, auch in ihren Lokalkirchen solche Tore der Barmherzigkeit zu öffnen. Und er hat mit der neuen Pforte der Barmherzigkeit am Hauptbahnhof Termini in Rom ein weiteres Zeichen gesetzt. Die Arbeit der Caritas fällt in die Kategorie der Barmherzigkeit, nicht unter das Kirchenrecht, wie einzelne es fordern.

Im Jubeljahr der Barmherzigkeit steht der Neuanfang aller im Vordergrund. Ob wieder verheiratet Geschiedene in der Gemeinschaft voll und ganz aufgenommen werden? Ob neue Regeln alte ersetzen werden? Ob Gleichgeschlechtliche ihre Liebe offen in der Kirche leben können? Ob Priester heiraten dürfen? Dies sind alles nur Fragen der Zeit. Und so wie die alten Antworten und Regeln keine Gerechtigkeit schaffen konnten, so werden es auch keine neuen tun. Und so wie die alte Freiheit keine Garantie für das gute Handeln war, so wird es auch die neu versuchte nicht sein. Der Mensch bleibt sowohl unter den Regeln als unter seiner Freiheit ein Sünder, der auf die Barmherzigkeit angewiesen ist – im Heute und im Morgen der Zeit.

Wenn der Papst die Pforten der Barmherzigkeit aufbricht und die Herzen aller Gläubigen sich von der barmherzigen Liebe Gottes erfassen lassen, nimmt das Jubeljahr als neuer und ungeschuldeter Anfang seinen Lauf. Eine nächste Arbeitsschicht beginnt. Freiheit und Verantwortung legen sich (wieder) fest und bilden unter den Moralschaffenden die nächsten zerbrechlichen Feldversuche würdiger Menschwerdung. Eine befreite Moral-Fabrik produziert wieder ein weiteres Kapitel.

EG