DER FRANZISKUS-HEBEL : BARMHERZIGKEIT

Das Pontifikat von Papst Franziskus steht im Zeichen der Barmherzigkeit. Sein Handeln sagt mehr als tausend Worte. So wartete er letztes Jahr auf die Teilnehmer der Synode, um sie einzeln zu begrüssen, und nicht sie, bis er als letzter feierlich einziehen würde. Er hört nicht nur zu, sondern er ergreift das Wort, aber nicht um die Richtung als Chef vorzugeben, sondern um den Ton zu setzten, der das Zusammenkommen bestimmen soll: wahr und offen soll geredet werden. Er sieht in den zum Teil heftigen Auseinandersetzungen Gottes Geist am Wirken, weil er diesem zutraut in jedem einen Teil der Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Er bezeichnet sich als Sünder, der die Barmherzigkeit Gottes erfahren darf.

Die nächsten Zeichen  des Papstes stehen an: Am 8. Dezember beginnt ein Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit. Dabei werden u.a. sogenannte Pforten der Barmherzigkeit aufgebrochen und speziell bevollmächtigte Beichtväter ausgesandt, um die Herzen der Gläubigen für die Barmherzigkeit Gottes zu öffnen.

In der Tat gehen Barmherzigkeit und Freiheit Hand in Hand. Wer seine Freiheit einsetzt und so riskiert, ist nie auf der sicheren Seite. Er handelt im Raum anderer Menschen und vieler unbekannter Umstände. Er kontrolliert sein ausgesätes Handeln nicht. Dieses wächst selbständig und nicht immer so wie gemeint. Das gute Tun ist auf gute Annahme angewiesen. Niemand kann es für sich erzwingen, denn einmal gesetzt, entzieht es sich dem Handelnden und entwickelt seine eigene Dynamik. Sogar Nichtstun hilft nicht weiter, weil auch dieses denselben Gesetzen des Handelns unterliegt.

Vor Gott gibt es keinen “Point of no return”. Die Liebe verwirft nicht; sie richtet auf. Ob ein angerichteter Schaden dem Nicht-Einhalten von Geboten und Verboten entspringt oder gerade umgekehrt dem erbarmungslosen Einhalten derselben Gebote und Verbote, ist vor der Barmherzigkeit Gottes ebenso unwesentlich wie vor dem verletzten Menschen, der sich aufrichtet und verzeiht. Die Regeln ersetzen das Handeln nie. Sie sind immer nur vorläufige Krücken und Hilfskonstruktionen, um den Lauf des Menschen möglichst in den Bahnen eines erfüllten und guten Lebens zu halten. Deshalb setzen Barmherzigkeit und Verzeihen die Regeln ja auch nicht ausser Kraft. Sie nehmen den handelnden Menschen in seiner zerbrechlichen Freiheit an und geben ihm eine weitere unverdiente Chance.

Vor der Barmherzigkeit Gottes, die der Kirche aufgetragen ist, zu vermitteln, schmelzen die trennenden Meinungen und die scheinbar schwierigen Fragen, die die Familiensynode in ihrer Existenz nun eindeutig anerkannt hat, dahin. Papst Franziskus wird die noch verschlossenen Pforten der Barmherzigkeit Anfang Dezember in Rom öffnen. Er hat die Bischöfe eingeladen, auch in ihren Lokalkirchen solche Tore der Barmherzigkeit zu öffnen. Und er hat mit der neuen Pforte der Barmherzigkeit am Hauptbahnhof Termini in Rom ein weiteres Zeichen gesetzt. Die Arbeit der Caritas fällt in die Kategorie der Barmherzigkeit, nicht unter das Kirchenrecht, wie einzelne es fordern.

Im Jubeljahr der Barmherzigkeit steht der Neuanfang aller im Vordergrund. Ob wieder verheiratet Geschiedene in der Gemeinschaft voll und ganz aufgenommen werden? Ob neue Regeln alte ersetzen werden? Ob Gleichgeschlechtliche ihre Liebe offen in der Kirche leben können? Ob Priester heiraten dürfen? Dies sind alles nur Fragen der Zeit. Und so wie die alten Antworten und Regeln keine Gerechtigkeit schaffen konnten, so werden es auch keine neuen tun. Und so wie die alte Freiheit keine Garantie für das gute Handeln war, so wird es auch die neu versuchte nicht sein. Der Mensch bleibt sowohl unter den Regeln als unter seiner Freiheit ein Sünder, der auf die Barmherzigkeit angewiesen ist – im Heute und im Morgen der Zeit.

Wenn der Papst die Pforten der Barmherzigkeit aufbricht und die Herzen aller Gläubigen sich von der barmherzigen Liebe Gottes erfassen lassen, nimmt das Jubeljahr als neuer und ungeschuldeter Anfang seinen Lauf. Eine nächste Arbeitsschicht beginnt. Freiheit und Verantwortung legen sich (wieder) fest und bilden unter den Moralschaffenden die nächsten zerbrechlichen Feldversuche würdiger Menschwerdung. Eine befreite Moral-Fabrik produziert wieder ein weiteres Kapitel.

EG